Lyrik von Ruth Schumacher
-Nimm
-Erzähl mir, wer du bist
-Ich bin der Bach im grünen Wiesental
-Tarot

Fotos: fetzi baur
Nimm,
nimm meinen Ärger, meine Launen, mein Geschrei,
nimm es wie Salz und Pfeffer in deinen Eintopf.
Nimm meine kleinen Pfeile und lege sie in ein Kästchen.
Nimm mein Lachen und streue es in den Wind.
Nimm meine Augen und setze sie in die Fenster.
Nimm alles und mache es passend.
Aber wenn meine Augen weinen, wird es in dein Haus regnen,
und der Wind wird dein Haus schütteln,
dein Topf ist leer gegessen,
und es wird dir auch nichts nützen, das Kästchen zu öffnen,
um die Sammlung zu betrachten, die Pfeile zu zählen,
die dich treffen sollten.
Ich werde keine Pfeile mehr abschießen.
Ich lache in eine andere Richtung.
nach oben
Aus alten Tagen wächst der Mohn
Und aus dem Mohn entspringt die Nacht
Und aus der Nacht kommst du zu mir
Mohn und Nacht erblühn im Schatten
Und rot wiegt sich der Stunden Schlag
Wiegt den Mohn, wiegt die Nacht
Erzähle mir, erzähl mir lange
Erinnerungen aus dem Schlaf
Längst Vergessenes aus den Stunden
Bilder malt die Nacht
Ich hör dir zu
Und wie sich Mohn und Nacht entwirren
Und rot sich wiegt der Stunden Schlag
Erzählst du, wer du bist
nach oben
Ich bin der Bach im grünen Wiesental
Ich bin der Bach im grünen Wiesental,
ich bin der Berg im ersten Morgenstrahl
ich bin der Baum, darin der Wind sich fängt,
ich bin die Traube, die am Weinstock hängt,
ich bin das andre in des andern Hand
ich bin das Teil zum Teil, das sich zum Ganzen fand.
Und grün bin ich für den, der wachsen will,
und wenn die Lerche singt, so bin ich still,
und groß bin ich für den, der Freiheit sucht,
und frei bin ich für den, der Liebe sucht.
nach oben
Ein Bote, auf einem Pferd, bringt dir einen Brief.
Es ist herzerfrischend, sich im 21.sten Jahrhundert einen Reiter vorzustellen, der in deine Stadt geritten kommt, deine Straße und Hausnummer sucht, und dir vom Sattel aus diesen Brief überreicht.
Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn du einen Brief - ich sehe ein rotes Siegel darauf - wenn du einen Brief überreicht bekommst.
Der Reiter hat einen Umhang übergeworfen. Er ist weder jung noch alt. Er ist der Bote. Er überreicht dir von oben diesen hellen Briefumschlag. Er sitzt auf dem Pferd, steigt nicht ab, es ist nur dieser kurze Moment, wie er dir diesen Brief übergibt - diese Spannung, denn der Brief ist verschlossen. Er gibt ihn dir sicher in die Hand. Du hast ihn in Händen, es ist also wahr, und der Reiter wendet und entschwindet.
Nun hast du ein Geheimnis.
Du liebst dieses kraftvolle Pferd.
Du liebst diesen Boten – weder jung noch alt – doch aufrecht im Sattel.
Du liebst diese sichere Hand.
Es ist herzerfrischend sich im 21.sten Jahrhundert einen Reiter vorzustellen, der in deine Stadt geritten kommt.
nach oben